03.03.2019

Frontend-Architektur mit JavaScript: Micro-Frontends als Integration-Pattern

Frontend-Entwicklung wird oft stiefmütterlich behandelt. Dabei haben moderne Webanwendungen mittlerweile einen enormen Funktionsumfang. Bisweilen werden die Anwendungen sogar so umfangreich, dass sie zur Entwicklung durch mehrere Teams in Module aufgeteilt werden sollen. Dieser Artikel stellt drei Szenarien zur Integration dieser Frontend-Module vor, die versuchen, unterschiedlichen Anforderungen zwischen der bestmöglichen Erfahrung für Benutzer einerseits und einem unabhängigen Entwicklungsprozess andererseits gerecht zu werden.

Diesen Artikel habe ich gemeinsam mit Oliver Zeigermann geschrieben. Er erschien im Objekt Spektrum 2/2019.

Wenn man mit Architekten über Frontend- Architektur spricht, bekommt man häufig amüsante Antworten. Unter den Antworten, die wir tatsächlich bekommen haben, sind

  • „Frontend-Architektur? Ich dachte, so etwas gibt es gar nicht.“
  • „Das Frontend kloppen wir am Ende einfach irgendwie drauf.“
  • „Architektur für ein bisschen CSS-Pixel- Geschubse?“

Bei vielen Architekten ist offenbar noch nicht angekommen, dass das Frontend der entscheidende Teil der Anwendung ist. Das Backend muss „nur“ funktionieren, das Frontend jedoch muss nicht nur funktionieren, sondern auch dem Anwender gefallen und bedienbar sein. Frontend-Architektur wird dennoch nicht unbedingt immer für vollgenommen. Auch die Erfindung des Fullstack-Entwicklers spricht Bände über die Unterschätzung der Frontend-Architektur. Die Annahme, dass Backend-Entwickler nebenbei auch die Aufgaben der Frontend- Entwickler und dass Backend-Architekten natürlich auch das vermeintlich anspruchslose Frontend abdecken können, ist nicht nur irreführend, sondern grenzt schon an Arroganz. Ein weiteres Zeichen für die Ungleichbehandlung von Backend und Frontend ist, dass reine Frontend-Entwickler-Stellen oftmals schlechter bezahlt werden.

Dabei haben moderne, Browser-basierte Frontends mittlerweile einen enormen Funktionsumfang, der oftmals denen von Desktop-Anwendungen in nichts nachsteht. Exemplarisch dafür seien an dieser Stelle Microsoft Office, Google Docs, Figma oder Spotify genannt. Dabei sind schon kleinere Anwendungen technisch oftmals höchst anspruchsvoll. Sie sollen

  • dem Benutzer besten Bedienkomfort bieten,
  • auf unterschiedlichsten Geräten mit verschiedenen Auflösungen funktionieren,
  • eine schnelle erste Darstellung haben,
  • möglichst auch offline arbeiten,
  • verzögerungsfrei arbeiten und am besten flüssig mit 60 fps laufen,
  • asynchron Daten vom Server laden und
  • es sich nicht anmerken lassen, dass sie verteilte Systeme sind. Bei großen und sehr großen Anwendungen ergeben sich sogar zusätzlich noch besondere Herausforderungen. Aber der Reihe nach, sehen wir uns das Ganze systematisch an.

Im Spannungsfeld der Anforderungen

Frontend-Architektur unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von Backend- Architektur: Der Benutzer und sein Erlebnis beim Benutzen der Benutzungsoberfläche (User Interface, UI) sind Teil des Aufgabenfelds. Für den Benutzer einer Anwendung sind in der Regel ganz andere Dinge wichtig als für die Entwickler der Anwendung. Je nach Anwendungsfall sind die Anforderungen der Benutzer aber noch wichtiger, damit dieser gerne mit der Anwendung arbeitet (siehe Abbildung 1). Jeder Nutzer einer Webanwendung wünscht sich zumindest eine schnelle, konsistente und stimmige Darstellung der Daten. Wen verwirrt oder gar ärgert nicht die Anzeige, dass noch 10 Nachrichten ungelesen sind, obwohl man gerade alle Nachrichten durchgesehen hat. Das klingt zwar wie eine Kleinigkeit, aber eine solche inkonsistente Darstellung kann Effizienz bei der Nutzung kosten. Der Benutzer verliert die Lust, eine solche Anwendung zu nutzen. Wenn Anwender leicht auf eine Alternative wechseln können, die einen solchen Fehler nicht hat, wird er das vielleicht tun. Auf der anderen Seite wird ihn eine stimmige, eingängige und innovative UI, die ihn gut unterstützt, seine Aufgaben zu erledigen, vielleicht dazu führen, die Anwendung weiter zu empfehlen. Das UI kann sowohl Wettbewerbsvorteil als auch -nachteil sein. Abbildung 1: Anwendersicht Abbildung 1: Anwendersicht

Neben der Konsistenz wünschen sich Nutzer auch unmittelbare Reaktionen auf Eingaben oder andere Interaktionen. Wenn jemand etwas Ungültiges in ein Formularfeld einträgt, möchte er das nicht erst beim oder gar nach dem Abschicken des kompletten Formulars, sondern direkt bei der Eingabe oder unmittelbar nach Verlassen des Felds wissen.

Von der klassischen Webanwendung zur Single-Page Application

Um zu prüfen, ob diese Anforderungen umgesetzt werden können, gucken wir uns erst einmal eine klassische, serverseitig gerenderte Webanwendung an (siehe Abbildung 2a). Diese wird zunächst als statische oder generierte HTML-Seite vom Server über HTTP geladen. Danach stellt der Browser das geladene HTML nur noch dar. Bei jeder Interaktion durch den Benutzer wird nun ein neuer Request zum Server geschickt, wo der Request verarbeitet und eine neue HTML-Seite gerendert wird. Diese wird vom Server zurück an den Browser geschickt und das Spiel beginnt von vorne. Abbildung 2a: Klassische, serverseitig gerenderte Webanwendung Abbildung 2a: Klassische, serverseitig gerenderte Webanwendung

Eine solche Architektur ist wunderbar einfach und für viele Entwickler attraktiv. Die Generierung von HTML-Seiten mit Java, PHP oder C# ist gut verstanden und es muss kein JavaScript entwickelt werden.

Alle sind also glücklich? Leider nein, denn auch hier vergisst man schnell den Anwender. Pro Nutzerinteraktion einen Roundtrip zum Server zu machen, ist für die User-Experience (UX) fürchterlich und teilweise auch gar nicht möglich. Ein Browser kann zum Beispiel bei einem Neuladen der Seite nicht sinnvoll seinen Zustand inklusive Scroll- und Cursorposition beibehalten. Auch Interaktionsmuster wie Drag‘n‘Drop sind auf diese Weise nicht umsetzbar.

Eine Lösung für dieses Problem ist, an den Stellen, wo hohe Interaktivität gefordert ist, in einem Ad-hoc-Stil JavaScript- Schnipsel hinzuzufügen, die direkt Logik im Browser ausführen. Der Code kann zum Beispiel bestimmte Teile eines Formulars einblenden, wenn eine Checkbox gesetzt ist, oder neue HTML-Schnipsel vom Server laden, um nur einen Teil der bestehenden Seite zu aktualisieren. Diese Idee hat in den 2000er Jahren jquery zu großer Popularität verholfen. Die passende Architektur ist in Abbildung 2b sichtbar. Nun ist jquery nicht mehr ganz so populär und die Antwort auf die Warum-Frage ist ebenfalls in Abbildung 2b sichtbar. Die Architektur ist fürchterlich. Bald wird auf dem Server, bald auf dem Client gerendert. Bald wird eine ganze Seite geladen, bald nur ein Seiten-Schnipsel und als Nächstes etwas Daten als JSON. Oft haben sich in diesem Ad-hoc-Stil ganze Anwendungsteile in JavaScript entwickelt, die dann nur noch eher schlecht als recht in Frameworks versteckt wurden. Das perfide daran ist auch, dass die Aufwände zur Umsetzung erst langsam ansteigen und auch der Code immer nur langsam unübersichtlicher wird. Wenn man dies nicht rechtzeitig bemerkt, hat man schnell eine unwartbare Anwendung. Abbildung 2b: Webanwendung mit Ad-hoc-JavaScript-Schnipseln Abbildung 2b: Webanwendung mit Ad-hoc-JavaScript-Schnipseln

Nun sind also auch die Entwickler nicht mehr zufrieden. Ein Teil der emotionalen Ablehnung JavaScript gegenüber stammt übrigens genau aus dieser Phase. Die Sprache wurde und wird mit diesem Hack gleichgesetzt.

Die architektonisch saubere Konsequenz sind die sogenannten Single-Page Applications (kurz SPA), die in Abbildung 2c dargestellt sind. Hier sind sowohl UI-Logik als auch Daten im Browser. Der Server kann entweder ganz wegfallen, dient nur noch als Lieferant für Daten oder enthält weiterhin die Business- Logik. Das Verschieben zumindest von Teilen der Business-Logik in den Browser ermöglicht die Offline-Fähigkeit der Anwendung. Im Google Inbox Client etwa lassen sich E-Mails auch lesen und schreiben und sogar sichern, wenn keine Internetverbindung besteht. Gesendet wird die geschriebene E-Mail dann unmittelbar, sobald wieder eine Internetverbindung zustande kommt. Abbildung 2c: Single-Page-Application Abbildung 2c: Single-Page-Application

Client-seitig werden die SPAs in JavaScript üblicherweise mit Frameworks wie Angular, React oder Vue umgesetzt. Dabei kommen ein Komponentenansatz und auch häufig mit TypeScript eine typisierte Sprache und mit Redux ein zentrales Zustandsmanagement zum Einsatz. Microsoft Outlook etwa ist genau mit diesem Stack gebaut (React, TypeScript, Redux). Für die Entwicklung stehen dabei unverzichtbare Werkzeuge und Tools zur Verfügung, die aus der klassischen Backend-Entwicklung bekannt sind: IDEs mit Refactoring-Möglichkeiten, Testframeworks, Build-Tools für CI-Prozesse und so fort.

Fast könnte der Artikel hier zu Ende sein: Wenn man erstklassige UI/UX im Web braucht, die mit dem gewohnten Komfort und den Prinzipien von Desktop-Anwendungen mithalten kann, gibt es zu einer Single-Page Application keine Alternative. Das folgt bereits aus den obigen prinzipiellen Überlegungen.

Ob die Story hier zu Ende ist, hängt allerdings von der Größe der Anwendung ab und ob man diese noch mit einem einzigen Team entwickeln kann und möchte. Denn nicht nur der Anwender ist ein Stakeholder in der Anwendungsentwicklung, sondern auch die Entwickler und die Organisation, in der sie sich befinden (siehe Abbildung 3). Und am Ende wollen alle fröhlich und zufrieden sein. Abbildung 3: Entwicklerteams als Stakeholder Abbildung 3: Entwicklerteams als Stakeholder

Wenn man zu der Entscheidung kommt, dass man die Anwendung nicht in genau einem Team, sondern in mehreren Teams entwickeln möchte, ist die Konsequenz daraus, die Anwendung in Module aufzuteilen. Jedes Modul kann dann mehr oder minder autark von einem eigenen Team entwickelt werden. Daraus entsteht aber die entscheidende Herausforderung:

  • Wenn man für die Entwicklung mit mehreren Teams die Anwendung in Module zerteilt und somit entkoppelt, muss man sie für das konsistente UI wieder koppeln.

Wie wir im Folgenden sehen werden, geht das leider nicht ohne Kompromisse. Man muss sich entscheiden, ob man eher bei der Erfahrung des Nutzers (UI/UX) oder beim Entwicklungsprozess Abstriche in Kauf nehmen will.

Drei Integrationsszenarien

Im Folgenden stellen wir drei Szenarien mit unterschiedlichen Abwägungen in Richtung UX einerseits und Entwicklungsprozess andererseits zur Diskussion. Alle anderen Ansätze sind nur Spielarten dieser drei Integrationsszenarien.

Ansatz 1: Modularer Deployment-Monolith

Die erste Variante integriert die einzelnen Module der Anwendung zur Build-Zeit. Wir deployen daher ein einzelnes, integriertes Artefakt über alle Teams synchronisiert. Man spricht daher auch von einem Deployment-Monolithen.

Eine solche Anwendung (siehe Abbildung 4) kann beliebig viele Module gleichzeitig darstellen und den Zustand der Module über einen zentralen, ebenfalls geteilten Zustand (häufig State oder Store genannt) synchronisieren. Die Idee hinter dem zentralen Zustand ist, dass er eine einzige „Quelle der Wahrheit“ darstellt und somit grundsätzlich die Möglichkeit einer inkonsistenten Darstellung ausschließt. Der Zustand enthält neben den fachlichen Daten dabei auch UI-relevante Informationen, zum Beispiel ob ein Menü ausgeklappt ist oder nicht. Abbildung 4: Bei einem Deployment-Monolithen werden die einzelnen Module zur Build-Zeit integriert und als ein Artefakt ausgeliefert Abbildung 4: Bei einem Deployment-Monolithen werden die einzelnen Module zur Build-Zeit integriert und als ein Artefakt ausgeliefert

Die Tatsache, dass unterschiedliche Module zur Laufzeit denselben State teilen, mag auf den ersten Blick wie ein Anti- Pattern klingen, folgt aber einer auch im Backend bekannten Logik, nach Möglichkeit keine Redundanzen in einer Datenbank zu halten, da diese zu Inkonsistenzen führen können.

In letzter Konsequenz führt dieser Ansatz auch im Client zu einer einzigen, normalisierten Datenquelle. Es gibt diverse, konkurrierende Patterns und Techniken, die diesen Ansatz umsetzen. Zu den bekanntesten zählt das Flux-Pattern mit seiner Umsetzungsvariante Redux.

Als Beispiel für diesen Ansatz haben wir Google Docs ausgewählt. Hier ist die Entscheidung für Deployment-Monolithen ziemlich klar. Wir haben mit dem Dokument, das wir bearbeiten, einen zentralen, geteilten Zustand und auch die einzelnen Module der Anwendung werden gleichzeitig dargestellt. In Abbildung 5 etwa ist zu sehen, dass die Anzeigen in der Toolbar (etwa Schriftfarbe und -größe) dem Text an der Cursorposition im Dokument entsprechen. Auch der Outline-View ist konsistent. Die Anwendung verhält sich damit genau so, wie es Anwender intuitiv erwarten. Abbildung 5: Google Docs: Die Toolbar stellt konsistent zur Markierung die Schriftgröße, -Farbe etc dar Abbildung 5: Google Docs: Die Toolbar stellt konsistent zur Markierung die Schriftgröße, -Farbe etc dar

Dieser Ansatz stellt der Benutzbarkeit am wenigsten Hindernisse in den Weg. Die unterschiedlichen Module können gleichzeitig und jederzeit synchron und in sich konsistent dargestellt werden. Allerdings hat die Entwicklung hier die wenigsten Freiheitsgrade. Es kann effektiv beispielsweise nur ein einziges Framework und auch nur in einer einzigen Version eingesetzt werden. Das Deployment kann nicht pro Team, sondern nur als Ganzes durchgeführt werden.

Der Ansatz ermöglicht aber die gemeinsame Nutzung einer Komponenten-Bibliothek zwischen allen Teams, die wiederum die Einheitlichkeit der Darstellung und Bedienung fördert. Die Wiederverwendbarkeit der Komponenten bietet zudem Synergien. Auf der anderen Seite verlieren Teams damit noch mehr Freiheiten, da sie über eine solche Bibliothek gekoppelt werden. Auch organisatorisch kann dies schwierig sein: Welches Team entwickelt eine solche Bibliothek? Und was passiert, wenn man Komponenten braucht, die es dort noch nicht gibt, die aber mittelfristig teamübergreifend notwendig sein werden?

Ansatz 2: Micro Components

Ansatz 1 hatte als Schwäche, den Teams deutliche Einschränkungen bei der Wahl der Technologie und sogar der Version des Frameworks aufzuerlegen. Wenn dies nicht hinnehmbar ist, aber dennoch mehrere Module gleichzeitig und synchron dargestellt werden sollen, kommen wir beim zweiten Ansatz an: den Micro Components.

Die einzelnen Module sind dabei technisch gesehen mehr oder minder voneinander isoliert und können jeweils mit ganz eigenem Technologie-Stack entwickelt und deployt werden. Die Integration der Module zur Gesamtanwendung findet erst zur Laufzeit im Browser statt, zum Beispiel über iFrames oder Web Components. Die Kommunikation zwischen den Modulen erfolgt ebenfalls über gemeinsamen Zustand, eher aber noch über einen Event-Bus oder sogar über direkt an den Modulen registrierte Event-Handler (siehe Abbildung 6). Abbildung 6: Micro Components erlauben die Verwendung unterschiedlicher Technologien innerhalb der Anwendung Abbildung 6: Micro Components erlauben die Verwendung unterschiedlicher Technologien innerhalb der Anwendung

Je nachdem, wie klein die einzelnen Module sind und wie viel Interaktion zwischen ihnen notwendig ist, entstehen mehr oder weniger große Aufwände, um eine für den Anwender reibungslose Integration hinzubekommen.

Da jedes Modul seinen komplett eigenen Technologie-Stack (Frameworks, Bibliotheken) mitbringt, wird eine solche Anwendung als Ganzes typischerweise groß. Dadurch eignet sie sich nicht so gut für eine Webanwendung, die man gelegentlich öffnet oder die sich sehr schnell darstellen muss, da der Browser zunächst eine große Menge Daten vom Server laden, interpretieren und ausführen muss. Auch sind iFrames nicht gerade der Traum eines jeden Entwicklers. Neben Problemen mit der Größenberechnung von iFrames ist auch die Kommunikation zwischen diesen nicht immer trivial. Wenn die Inhalte der iFrames aus derselben Quelle stammen, kann der Umgang zumindest vereinfacht werden. Werden statt iFrames Web Components eingesetzt, gibt es keine vollständige technische Isolierung der Komponenten, sodass es grundsätzlich passieren kann, dass sich unterschiedliche Frameworks in die Quere kommen. Insgesamt eignet sich dieser Ansatz eher für Intranet-Anwendungen oder auf Browsertechnik basierende Desktop-Anwendungen. Unser Beispiel für diesen Ansatz ist Spotify (siehe Abbildung 7). Die Anwendung wird typischerweise als Desktop oder Mobile App ausgeliefert, welche auf Chromium basieren.

Abbildung 7: Die Spotify App besteht aus einzelnen, unabhängigen Modulen oder Teil-Anwendungen Abbildung 7: Die Spotify App besteht aus einzelnen, unabhängigen Modulen oder Teil-Anwendungen

Auch wenn dieser Ansatz aus rein technischen Gründen zwangsläufig keine schlechtere Erfahrung für den Benutzer fördern muss als der erste, ist dies in der Praxis jedoch meist der Fall. Gerade die komplette Eigenständigkeit der Teams fördert nämlich die schlechtere Integration der Gesamtanwendung, da fachlich oder technisch übergreifende Themen aus organisatorischen Gründen eher stiefmütterlich behandelt werden.

Als ein Beispiel nennen wir die bei Spotify in einem – zudem schwer auffindbaren – Anwendungsteil gebündelten Einstellungen („Settings“). Will man ein Album offline über mobile Datendienste verfügbar machen, hat dies aber nicht in den Settings erlaubt, so muss man den Anwendungsteil, in dem das Album dargestellt wird, verlassen, die Settings finden und öffnen, in diesen die entsprechende Einstellung suchen und einschalten, dann wieder in die Album-Darstellung gehen und dort dann das heruntergeladene Album abspielen. Dies schreibt und liest sich nicht nur kompliziert, auch in der Praxis ist dies kein großer Spaß.

Ansatz 3: Integration über Links

In der dritten und letzten Variante werden unterschiedliche Anwendungsteile über Hyperlinks miteinander verbunden. Diese Links werden häufig in einer Navigationsleiste gesammelt. Ein Klick auf einen der Links öffnet den dazu passenden Anwendungsteil (siehe Abbildung 8). Da jeder Anwendungsteil eine eigene Seite ist, ist es nicht möglich, mehrere Anwendungsteile gleichzeitig im selben Fenster darzustellen. Dafür ist es aber möglich, mehrere Teile parallel in einzelnen Browser-Tabs zu öffnen. Abbildung 8: Die unterschiedlichen Teil einer Anwendung werden über Links aus einer Navigation heraus angesprungen Abbildung 8: Die unterschiedlichen Teil einer Anwendung werden über Links aus einer Navigation heraus angesprungen

Da jeder Anwendungsteil als komplett eigenständige Seite implementiert ist, muss er sich folglich auch um die gesamte Darstellung der Seite kümmern (inklusive Navigation, Seitenrahmen usw.). Mit welcher Technik die einzelnen Anwendungsteile implementiert sind, ist dabei unerheblich. Ein Teil kann sich beispielsweise mit einer klassischen serverseitig gerenderten Technik darstellen und ein anderer Teil als eine Single-Page Application. Dabei kann jeder Anwendungsteil ein einzelnes Modul sein. Ein Anwendungsteil kann aber auch aus mehreren Modulen bestehen, die dann mit Ansatz 1 oder 2 zusammengesetzt werden.

Dieser dritte Ansatz ist der für den Entwicklungsprozess vorteilhafteste. Teams können wirklich maximal unabhängig voneinander arbeiten und auch komplett unterschiedliche Techniken und Versionen von Bibliotheken nutzen. Beispielsweise kann ein sehr contentlastiger Anwendungsteil serverseitig gerendert werden (etwa aus einem CMS), während ein hoch interaktiver Teil moderne SPATechnik nutzt.

Auch für eine Migration einer komplett serverseitigen Technik aus SPAs kann hier Schritt für Schritt vorgegangen werden. Ebenso kann beim Upgrade von Versionen jedes Team für sich entscheiden, ob und wann es eine neue Version einsetzt. Schwieriger ist hier die wirklich einheitliche Darstellung und das einheitliche Benutzungsgefühl. Da man sich nicht auf ein und dieselbe Technik stützt und jedes Team autonom arbeitet, ist die Erstellung einer gemeinsamen Bibliothek nicht oder nur teilweise möglich. Daher muss sich jedes Team an gemeinsame, informelle Spezifikationen von Darstellung und Bedienkonzept halten. Erfahrungsgemäß leidet dabei die Einheitlichkeit.

Als Beispiel für diesen Ansatz haben wir Outlook gewählt (siehe Abbildung 9). Am unteren, linken Rand ist die Navigationsleiste. Jeder Anwendungsteil ist damit über einen Link verbunden und ein Klick darauf öffnet den Teil in einem neuen Tab. In den vergangenen Monaten wurde die Outlook-Anwendung auf das SPAFramework React umgestellt. In dieser Zeit konnte man beobachten, dass einige Anwendungsteile (z. B. der Kalender) weiterhin eine ältere Technik verwendeten, das Menü anders darstellten und auch ansonsten ein deutlich anderes Layout nutzten. Solche Migrationsstrategien sind mit diesem Ansatz besonders einfach möglich.

Abbildung 9: Microsoft Outlook: Die einzelnen Teile von Outlook sind über Links in einer Navigationsleiste integriert Abbildung 9: Microsoft Outlook: Die einzelnen Teile von Outlook sind über Links in einer Navigationsleiste integriert

Für den Nutzer haben wir mit diesem Ansatz somit vielleicht die schwächste Lösung, was sich auch aus der schwachen Integration ergibt: Jeder Anwendungsteil muss neu aufgebaut werden und das Teilen der Daten von einem Teil zu einem anderen ist nur schwer oder gar nicht möglich. Zumindest kann durch ein gemeinsames Cookie oder den Browser-Storage ein Login-Token geteilt werden, sodass jeder Anwendungsteil mit demselben Nutzer läuft und ein Anwender sich nicht für jeden Teil erneut anmelden muss. Ladezeiten beim Wechsel von einer Teil- Anwendung in die andere können stark verkürzt werden, wenn man diese Teile über Service Workers im Hintergrund nachlädt oder zumindest in einem Cache puffert.

Dieser Ansatz bietet sich vor allem dann an, wenn man die fachlichen Teile der Anwendung sinnvoll auf jeweils eigene Seiten aufteilen kann. Dass in Outlook beispielsweise Kalender und Mails in eigenen Seiten angezeigt werden, ist nachvollziehbar und zudem seit Jahren aus der Desktop-Variante bekannt.

Fazit

Keiner der Ansätze ist perfekt und damit automatisch der richtige Weg in allen Fällen. Wichtig ist, dass man sich über seine Ziele und Anforderungen im Klaren ist und was die Entscheidung für die eine oder andere Richtung (bestmögliche Erfahrung für den Benutzer versus unabhängiger Entwicklungsprozess) für Konsequenzen bedeutet. Insbesondere beim Entwickeln neuer Anwendungen, bei denen am Anfang die genauen Anforderungen hinsichtlich Verhalten und Aussehen unklar sind, kann eine zu frühe Aufteilung hinderlich sein, da es dadurch technisch und organisatorisch nur sehr schwer möglich ist, ein Team-übergreifendes Verständnis für diese Themen zu bekommen. Sofern eine Anwendung aufgeteilt werden soll, empfehlen wir als erstes die Anwendung so weit wie möglich in eigenständige Teile beziehungsweise Seiten zu zerteilen und über Links zu verbinden (Ansatz 3). Die einzelnen Teile sollten dabei immer so groß wie möglich sein, um die Unterschiede hinsichtlich UI so klein wie möglich zu halten und die technischen Problem der Integration zu minimieren. Die einzelnen Seiten können dann beispielsweise jeweils als Deployment-Monolith (Ansatz 1) entwickelt werden. Dieser Kombination von Ansatz 3 und 1 folgen neben Outlook auch Google Drive, XING, Facebook und viele andere.

Nur bei einer desktopartigen oder Intranet- Anwendung, die aus organisatorischen Gründen einerseits komplett eigenständige Teams erfordert, aber andererseits nicht auf eine gleichzeitige Darstellung verzichten kann, empfehlen wir Ansatz 2. Dieser Ansatz mag zwar auf den ersten Blick am attraktivsten oder wie ein guter Mittelweg aussehen, allerdings sind die notwendigen Techniken eher brüchig und der Widerspruch zwischen komplett eigenständiger Entwicklung und gemeinsamer und stimmiger Darstellung kommt am stärksten zum Tragen.